Luftfeuchtigkeit in der Wohnung messen und steuern: Praktischer Plan gegen Schimmel und trockene Luft
Warum Luftfeuchtigkeit in deutschen Wohnungen so oft kippt
In vielen Wohnungen schwankt die Luftfeuchte stark: morgens nach dem Duschen zu hoch, nachts im Schlafzimmer kritisch, im Winter tagsüber zu trocken. Das führt entweder zu Kondenswasser und Schimmel (zu feucht) oder zu gereizten Schleimhäuten, knisternder Kleidung und rissigem Holz (zu trocken).
Die gute Nachricht: Sie brauchen weder Baustelle noch teure Technik. Mit sauberer Messung, ein paar klaren Regeln und kleinen Stellschrauben bekommen Sie das in 1-2 Wochen stabil.
Zielwerte, mit denen Sie in der Praxis gut fahren:
- Wohnräume: 40-55% rF bei 20-22 C
- Schlafzimmer: 40-55% rF bei 17-19 C
- Bad nach dem Duschen: kurzzeitig höher ok, aber innerhalb 30-60 Minuten wieder unter 60%
- Kritisch: dauerhaft über 60% rF oder sichtbar feuchte Ecken/Fenster
| Werkzeug | Wofür es reicht | Typischer Preis (DE) |
| Hygrometer (digital) | Basis-Messung pro Raum, schnelle Entscheidungen | 10-25 EUR |
| Datenlogger (mit App) | Verläufe sehen, Ursachen finden (Nacht, Duschen, Kochen) | 25-80 EUR |
| Raumluft-Entfeuchter (elektrisch) | Wenn Lüften nicht reicht, z.B. Innenbad/Altbau | 150-300 EUR |

Richtig messen: Ohne gute Daten sind alle Tipps Zufall
Viele handeln nach Gefühl oder nach beschlagenen Fenstern. Das ist zu spät und oft irreführend. Entscheidend ist: relative Feuchte (rF) und Temperatur zusammen betrachten. 55% rF bei 18 C ist etwas anderes als 55% rF bei 23 C.
Hygrometer richtig platzieren (die 5 häufigsten Fehler)
- Nicht direkt am Fenster (zu kalt, verfälscht), Abstand 1-2 m.
- Nicht über Heizkörper (zu warm, zu trocken gemessen).
- Nicht in der Ecke (Stauwärme/Kälte, zu feucht gemessen).
- Auf Augenhöhe (ca. 1,2-1,6 m), frei angeströmt.
- Mindestens 30 Minuten nach Lüften abwarten, bevor Sie den Wert bewerten.
Wie viele Geräte brauchen Sie wirklich?
Minimal: 1 Hygrometer pro Problemraum (typisch Schlafzimmer und Bad oder Schlafzimmer und Wohnzimmer). Sinnvoll: 3 Stück für 60-90 qm, damit Sie Muster erkennen (Nordzimmer vs. Küche vs. Schlafen).
Wenn Sie Schimmelstress hatten: 1 Datenlogger im Schlafzimmer für 2 Wochen bringt oft mehr als 20 neue Regeln. Sie sehen dann z.B. Feuchte-Spitzen um 4-6 Uhr (Atemluft) oder nach dem Kochen.
Die Steuerlogik: Was Sie bei welchen Werten konkret tun
Damit es alltagstauglich bleibt, brauchen Sie eine einfache Entscheidungsroutine. Nutzen Sie diese Faustregeln als Grundprogramm und passen Sie dann an Ihr Gebäude (Altbau, Neubau, KfW, Innenbad) an.
Wenn die Luftfeuchte zu hoch ist (dauerhaft über 60%)
- Stoßlüften: 5-8 Minuten, 2-4x/Tag. Im Winter eher kürzer, dafür häufiger.
- Querlüften (gegenüberliegende Fenster) ist 2-3x schneller als Kipp.
- Heizen stabil halten: Unter 18 C steigt Schimmelrisiko in Außenecken deutlich.
- Feuchtequellen reduzieren: Wäsche nicht im Wohnraum trocknen oder mit Entfeuchter absichern.
- Nach Spitzen sofort handeln: nach Duschen/Kochen direkt lüften, nicht erst „später“.
Wenn die Luft zu trocken ist (unter 35-40%)
- Temperatur prüfen: Oft wird zu stark geheizt. 1 C weniger hilft sofort.
- Gezielt befeuchten: Verdunster oder Ultraschall mit Hygrostat, nicht „Wasser auf die Heizung“.
- Kurzes Lüften statt Dauer-Kipp: Kippfenster trocknet aus und kühlt Laibungen aus.
- Abends messen: Tagsüber kann es trockener sein, nachts steigt es durch Atmung.
Raum für Raum: Konkrete Maßnahmen, die in echten Wohnungen funktionieren
Ein Standardplan für die ganze Wohnung scheitert oft. Bad ist ein Feuchteproduzent, Schlafzimmer ein Feuchte-Speicher (Nacht), Küche hat Spitzen, Flur ist häufig kalt. Hier die praxistauglichen Setups.
Schlafzimmer (12-18 qm): Nachtfeuchte ohne Schimmel in Ecken
Typische Situation: 2 Personen, Fenster morgens nass, Außenwand in der Ecke kalt. Ziel: Nachtspitzen abfangen und Oberflächen warm halten.
- Temperatur: 17-19 C, nicht darunter, sonst kondensiert es in Außenecken.
- Morning-Routine: Direkt nach dem Aufstehen 5-8 Minuten querlüften.
- Bettabstand: 5-10 cm Abstand zur Außenwand, damit Luft zirkulieren kann.
- Kleiderschrank an Außenwand? Besser vermeiden. Wenn nötig: 5 cm Abstand + Lüftungsschlitze unten/oben.
- Werte als Trigger: Wenn morgens über 60%, lüften und danach kurz auf 19 C nachheizen.
Bad (2-6 qm): Feuchtespitzen schnell raus, ohne kalte Wände
- Während des Duschens: Tür zu, damit Feuchte nicht in Flur/Schlafzimmer wandert.
- Danach: 10 Minuten Stoßlüften oder Fenster auf und Badheizkörper 20-30 Minuten laufen lassen.
- Ohne Fenster: Lüfterlaufzeit verlängern (wenn möglich) oder kleinen elektrischen Entfeuchter gezielt 1-2 Stunden nach dem Duschen.
- Handtücher: Nicht im Bad stapeln. Besser aufhängen und regelmäßig komplett trocknen lassen.
- Silikonfugen: Nach dem Duschen Wasser abziehen (Duschabzieher). Das senkt Spitzen messbar.
Küche: Kochen ohne Feuchte in der ganzen Wohnung
- Dunstabzug immer an, früh starten, 10 Minuten nachlaufen lassen.
- Deckel auf Töpfe ist der schnellste Feuchte-Hebel.
- Beim Wasserkochen (Pasta, Suppen): Fenster 5 Minuten auf oder Querlüftung.
- Spülmaschine: Nach Ende Tür erst nach 10 Minuten öffnen oder dabei kurz lüften.
Wohnzimmer: Komfort halten, ohne „trockene Wüste“ im Winter
Viele Wohnzimmer fallen im Winter auf 25-35% rF, weil dauerhaft 22-24 C gefahren wird. Das fühlt sich „warm“ an, ist aber für Luftfeuchte und Holz oft ungünstig.
- Temperatur-Check: 20-21 C reicht oft, wenn Zugluft reduziert ist.
- Befeuchten nur mit Regelung: Gerät mit Hygrostat auf 45-50% einstellen.
- Pflanzen helfen nur begrenzt. Rechnen Sie nicht damit, 10% rF damit zu „machen“.

Wann Sie einen Luftentfeuchter brauchen (und wann nicht)
Ein Entfeuchter ist kein Lifestyle-Gadget, sondern ein Werkzeug für Situationen, in denen Lüften strukturell nicht reicht: Innenbad, sehr kalte Nordzimmer, Wäschetrocknung in der Wohnung, Neubau- oder Wasserschaden-Restfeuchte.
Faustregeln für die Auswahl (ohne Marken)
- Leistung: Für 15-25 qm Wohnraum meist 10-12 l/Tag Klasse, für Keller/Waschraum eher 16-20 l/Tag.
- Hygrostat ist Pflicht: Ziel 50-55% einstellen, sonst läuft das Gerät unnötig.
- Lautstärke: Im Schlafzimmer kritisch. Für Nachtbetrieb nur, wenn wirklich nötig.
- Stromkosten: Rechnen Sie grob 0,20-0,60 EUR pro Betriebsstunde je nach Gerät und Last. Deshalb erst Messung, dann Einsatz.
Typische Problemfälle und die schnelle Diagnose
Fenster morgens nass, aber Hygrometer zeigt nur 50-55%
Dann ist meist die Fensteroberfläche sehr kalt (schwache Verglasung, Rollladen nachts komplett zu, Heizkörpernische). Lösung: morgens konsequent stoßlüften, dann kurz nachheizen; nachts Rollladen nicht komplett dicht oder Vorhang nicht direkt vor dem Glas.
Schimmel in der Raumecke trotz Lüften
- Prüfen: Steht ein Möbelstück direkt in der Ecke oder an der Außenwand?
- Temperatur: Fällt der Raum nachts unter 17-18 C?
- Messpunkt: Messen Sie zusätzlich 1 Meter vor der Ecke und nicht nur im Raummitte.
- Wenn dauerhaft: Vermieter informieren, wenn bauliche Wärmebrücke oder Undichtigkeit vermutet wird.
Zu trocken trotz normaler Temperatur
Oft sind es Kippfenster über Stunden oder eine sehr hohe Luftwechselrate (undichte Altbaufenster). Kurzlüften statt Dauer-Kipp und Zugluftabdichtung an Fenstern und Türen bringen hier oft mehr als ein Befeuchter.
Alltagstauglicher 7-Tage-Plan zum Stabilisieren der Werte
Tag 1-2: Ausgangslage messen
- Hygrometer korrekt platzieren.
- Morgens, nachmittags, abends notieren: rF und Temperatur.
- Feuchtespitzen markieren: Duschen, Kochen, Wäsche, viele Gäste.
Tag 3-4: Lüften und Heizen als System
- Stoßlüften einführen: 3 fixe Zeiten (morgens, nachmittags, abends) plus nach Duschen/Kochen.
- Temperatur nachts nicht zu stark absenken (besonders Nordzimmer).
- Schlafzimmer morgens lüften und danach 10-20 Minuten temperieren.
Tag 5-7: Feuchtequellen optimieren
- Wäsche: Wenn in der Wohnung, dann in einem Raum mit Fenster + Entfeuchter oder konsequenter Querlüftung.
- Bad: Abziehen, nachheizen, Lüfterlauf verlängern oder Entfeuchter-Test.
- Küche: Deckel, Abzug, Nachlauf.
Podsumowanie
- Ziel: 40-60% rF, mit Blick auf Temperatur und Oberflächen.
- Erst messen, dann handeln: Hygrometer richtig platzieren, Werte zu festen Zeiten prüfen.
- Bei über 60%: Stoß- oder Querlüften, stabil heizen, Feuchtequellen reduzieren.
- Bei unter 35-40%: weniger überheizen, kurz statt dauerhaft lüften, ggf. Befeuchter mit Hygrostat.
- Problemräume separat behandeln: Bad, Küche, Schlafzimmer haben unterschiedliche Logik.
- Entfeuchter nur gezielt: wenn Lüften strukturell nicht reicht.
FAQ
Welche Luftfeuchtigkeit ist ideal im Winter?
Praktisch bewährt sind 40-55% rF in Wohnräumen. Unter 35-40% wird es oft unangenehm trocken, über 60% steigt das Schimmelrisiko deutlich.
Ist Kipplüften wirklich so schlecht?
Für Feuchtespitzen ist es ineffizient. Es kühlt Laibungen aus und trocknet im Winter unnötig aus. Besser: 5-8 Minuten Stoß- oder Querlüften.
Hilfen Pflanzen gegen trockene Luft spürbar?
Ein bisschen, aber meist nicht genug als alleinige Maßnahme. Für stabile 45-50% rF im Winter brauchen Sie eher Temperaturmanagement und bei Bedarf einen geregelten Befeuchter.
Ab wann sollte ich wegen Schimmel den Vermieter informieren?
Wenn Schimmel trotz korrekt angewendetem Lüft- und Heizverhalten wiederkehrt, insbesondere in Außenecken oder an Wärmebrücken. Dokumentieren Sie Messwerte (rF/Temperatur) und Stellen mit Datum.
